Überblick
1. Entstehung
2. Die Bedeutung des Wortes "orthodox"?
3. Normen und Regeln der Orthodoxie
4. Inhalte des Glaubens
5. Orthodoxe Lebenspraxis
6. Besonderes in der Orthodoxie:
Heiligenverehrung, Marienverehrung, Ikonen
7. Kirchliches Leben und Feste, Festkalender
8. Orthodoxie heute: Struktur und Verbreitung
9. Orthodoxe Kirchen in Deutschland
Patriarchen in kunstvollen Gewändern, Ikonenverehrung, Chorgesänge
und duftender Weihrauch - all das verbinden wir mit "Orthodoxem
Christentum". Während die einen unter Orthodoxie eine altertümliche
Form des Christentums sehen, sind andere wiederum von ihrer kultischen
Mystik und Spiritualität angetan. Beide Wahrnehmungen sind allerdings
zu einseitig und tragen vielfach zu einem verfälschten Bild der
Orthodoxie bei. Ein kurzer geschichtlicher Abriss ist für ein
besseres Verstehen des Orthodoxen Christentums notwendig.
1. Entstehung
Im Jahr 395 n. Chr. erfolgte die Teilung des römischen Imperiums
in einen west- und einen oströmischen Reichsteil. Konstantinopel
wurde zur Hauptstadt des oströmischen Reichs, das bis zur Eroberung
durch die Türken 1453 existieren sollte. Mit der Hauptstadtwürde
bekam Konstantinopel auch die kirchlichen Ehrenrechte Roms übertragen.
Konstantinopel wurde so zum zweitwichtigsten Zentrum der damaligen
Kirche. Neben den Patriarchaten (Patriarchat: kirchliche Zentralstelle,
vergleichbar mit dem Bischofssitz einer Diözese) Rom und Konstantinopel
entstanden auch die Patriarchate Alexandrien, Antiochien und Jerusalem.
Innerhalb der Gemeinschaft der selbstständigen Kirchen hatte
der Bischof von Rom (der Papst) den Rang als "Erster unter Gleichen"
inne, gefolgt vom Patriarchen von Konstantinopel.
Unterschiedliche theologische Meinungen und gegenseitige Bannsprüche
zwischen West- und Ostkirche führten schließlich zur Kirchenspaltung
im Jahr 1054. So kam in der Ostkirche dem Patriarchen von Konstantinopel
der erste Rang zu, den er bis heute inne hat. Er ist heute vorsitzender
Patriarch innerhalb der Gemeinschaft aller orthodoxen Kirchen.
2. Die Bedeutung
des Wortes "orthodox"?
Orthodoxe Kirche wird oft als "Kirche der Rechtgläubigkeit"
übersetzt. Was ist damit gemeint? Orthodox kann zum einen "rechtes
Lobpreisen", zum anderen "rechte Lehre" bedeuten.
So verstanden heißt Orthodoxe Kirche einerseits Kirche der rechten
Lobpreisung Gottes, aber auch Kirche des rechten Glaubens, der rechten
Lehre. Orthodoxe legen besonderen Wert darauf, eine Kirche der rechten
Lobpreisung des Dreieinigen Gottes (Gott Vater, Sohn und Heiliger
Geist) zu sein. Die Lehre der Heiligen Dreifaltigkeit ist das zentrale
Thema der orthodoxen Theologie, "das unerschütterliche Fundament
allen religiösen Denkens, aller Frömmigkeit, allen geistlichen
Lebens, aller mystischen Erfahrung." (Grigorios Larentzakis)
Ein weiterer charakteristischer Zug orthodoxer Theologie ist ihre
Betonung des Nicht-Wissens: Gott wird als unfassbar, unbegreifbar
und unerkennbar beschrieben. So sagt Kyrillos von Jerusalem (386):
"In den göttlichen Dingen ist es ein großes Wissen,
das Nicht-Wissen zu gestehen."
Orthodoxes Christentum zeichnet sich durch ihre reiche kultische Überlieferung,
ihre aus dem Herzen kommende, profunde Spiritualität und ihre
Theologie voll mystischer Tiefe aus. Während die katholische
Kirche ihren Ursprung von der römischen Gemeinde und dem Apostel
Petrus ableitet, meinen die Orthodoxen, direkt von der Urgemeinde
in Jerusalem abzustammen.
3. Normen und Regeln
in der Orthodoxie
Wie bereits angedeutet gibt es auch in der Orthodoxen Kirche Normen
und Regeln, also Dogmen. Diese werden als Hilfen und Wegweiser für
die Gläubigen verstanden. In erster Linie dienen diese Regeln
jedoch zur rechten Lobpreisung Gottes: "Orthodoxie ist nicht
abstrakte rechte Lehre, sondern rechte Lobpreisung Gottes, die sich
im rechten Glauben, Kult und Leben der Kirche verwirklicht."
4. Inhalte des
Glaubens
Wichtigste Quelle des christlichen Glaubens ist auch in der Orthodoxen
Kirche die Heilige Schrift. Der biblische Glaube bildet das Fundament
und den Ausgangspunkt für die Theologie. Großen Einfluss
auf die Lehre haben darüber hinaus die Kirchenväter (die
Zeit der Kirchenväter reicht von der Zeit der Apostel bis etwa
800 n. Chr. ) und die Entscheidungen der Ökumenischen Konzilien
(Kirchenversammlungen, die für alle christlichen Kirchen von
Bedeutung sind.)
Die Ostkirchen stützen sich auf das Glaubensbekenntnis der Gesamtkirche.
Dieses wurde endgültig im Jahr 381 in Konstantinopel formuliert.
Aufgrund des gemeinsamen Weges bis zur Kirchenspaltung im Jahre 1054
haben West- und Ostkirche also dasselbe Fundament, nämlich den
Glauben an den drei-einen Gott: Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Trotz vieler Gemeinsamkeiten gibt es bis heute auch Trennendes zwischen
römischen und östlichen Kirchen: vor allem die Institution
des Papsttums und das Dogma bezüglich der Unfehlbarkeit des Papstes
von 1870. Unterschiede gibt es nicht nur zwischen den beiden großen
Traditionen (Ost und West), sondern auch zwischen den einzelnen Ostkirchen
selbst. Diese Unterschiede sind durch jeweils andere Schwerpunkte
der Kirchen und durch unterschiedliche nationale und kulturelle Traditionen
bedingt.
5. Orthodoxe Lebenspraxis
Liturgie
Die Liturgie gehört zum Kern orthodoxen Christentums und faszinierte
bereits um das Jahr 1000 die Gesandten des Fürsten der Rus. Sie
schreiben in ihrem Bericht über die Liturgiefeier in der Hagia-Sophia:
"Wir wissen nicht, ob wir im Himmel waren oder auf der Erde.
Denn einen solchen Anblick und eine solche Schönheit gibt es
nicht auf Erden." Der orthodoxe Gottesdienst bzw. die Feier der
Eucharistie gleicht einem "Mysterienspiel" (= geistliches
Drama), in dem das Drama vom Kreuzestod und der Auferstehung dargestellt
wird.
Die Messe hat den Charakter eines "Gesamtkunstwerkes", bestehend
aus Gesängen und vor allem Symbolen und Symbolhandlungen, welche
dem Gläubigen eine Ahnung göttlicher Wirklichkeit ermöglichen
sollen. Mit dem Wissen um die Natur des Menschen - als einem Geschöpf
aus Geist, Seele und Körper - vermittelt die Orthodoxie so den
Glauben ganzheitlich und berührt Denken, Schauen und Fühlen.
Diese ganzheitliche Sicht des Menschen in den orthodoxen Kirchen ist
für nicht wenige Menschen der westlichen Kirchen faszinierend
und anregend. Zugleich muss jedoch gefragt werden, wie weit sich Orthodoxie
auf die gegenwärtigen Probleme der Menschen einlässt. Versucht
sie, so wie westliche Theologie, auf Fragen aus dem Leben der Menschen
einzugehen?
Geistliche Begleitung
Gerade am Wirken der Geistigen Väter oder Mütter (Gerontes
bzw. Ammas) wird der Brückenschlag von Spiritualität und
Leben deutlich. Nicht nur Mönche in Klöstern, sondern auch
Laien erfahren durch geistliche Begleitung wichtige Stützen und
Hilfen in der Bewältigung der alltäglichen Probleme.
Sakramente
Eine wichtige geistliche Begleitung in der orthodoxen Kirche muss
in den Sakramenten gesehen werden. Hat im Westen das Sakrament eher
den Charakter eines Vertrages, so steht im Osten das Ereignishafte,
das Feierliche, das von Gott gewirkte Heil stärker im Vordergrund.
Das Sakrament deutet auf die für den Verstand nicht mehr fassbare
Dimension des Glaubens hin. Das Feiern der Sakramente gehört
nach orthodoxer Auffassung nicht nur in den religiösen Bereich,
sondern hängt sehr eng mit dem alltäglichen Leben zusammen
und bestimmt so den Lebensrhythmus der Gesellschaft. Die Feier und
der Vollzug der Sakramente wird in Wort, Gesang und Handlungen realisiert.
Die Orthodoxe Kirche kennt wie die römisch-katholische Kirche
7 Sakramente: Taufe, Eucharistie, Firmung, Buße, Weihe (zum
Diakon, Priester), Ehe und Krankensalbung. Unter den Sakramenten ist
die oben bereits beschriebene Feier der Heiligen Liturgie (Heilige
Eucharistie) hervorzuheben. Sie ist nicht nur ein "Sakrament"
unter den "Sieben", sondern ist das Herzstück der Sakramente,
um die das ganze sakramentale und liturgische Leben geordnet ist.
6. Besonderes in
der Orthodoxie: Heiligenverehrung, Marienverehrung, Ikonen
Heiligenverehrung darf hier keineswegs als konservative und verträumte
Glorifizierung der alten Helden des Glaubens missverstanden werden,
sondern will vielmehr deutlich machen, dass bedeutende Menschen des
Glaubenslebens durch die Grenze des Todes nicht von uns völlig
getrennt und vergessen sind, sondern im Gegenteil, für unser
heutiges Leben als leuchtende Beispiele und Vorbilder für ein
gelingendes Leben gelten können. In der Ostkirche sind vor allem
folgende Typen von Heiligen nennenswert: die heiligen Krieger (Soldaten,
die den Märtyrertod erlitten) und die "Säulenheiligen"
(sie standen oft Jahrzehnte auf einer Säule – eine extreme
Form der Frömmigkeit).
Die Marienverehrung ist ein wichtiger Bestandteil orthodoxen Christentums.
Dabei ist zu bemerken, dass Maria in der Orthodoxie, vor allem in
der Liturgie, in der Verehrung als Gottesmutter, große Bedeutung
beigemessen wird. Zahlreiche Marienfeste im kirchlichen Festkreis
unterstreichen dies. Darüber hinaus nimmt Maria im ökumenischen
Dialog zwischen West- und Ostkirche einen wichtigen Platz als Bindeglied
der gemeinsamen Tradition ein.
Nach heftigen Auseinandersetzungen, ob es nun erlaubt sei, ein Bild
von Gott machen zu dürfen oder nicht, wurde gegen Ende des 8.
nachchristlichen Jahrhunderts die Verehrung von Bildern neu diskutiert
und schließlich erlaubt. Ikone heißt übersetzt Abbild
und will in künstlerischer Form ein sichtbares Abbild des Unsichtbaren
sein: ein Abbild höherer himmlischer Wirklichkeit, mit kunstvollen
Darstellungen in Form von Metallreliefs, Email-, Elfenbein-, oder
Marmorarbeiten. Da die Ikone als Abbild des Göttlichen gilt,
ist ihr auch Verehrung zu erweisen, während Anbetung nur dem
Urbild, Gott, gebührt. Für den Gläubigen ist die Ikone
der Ort, an dem ihm der/die Heilige begegnet. An sie wendet er sich
mit seinen Bitten, von ihr erwartet er die Hilfe des Heiligen, ihr
erweist er die dem Heiligen zugedachte Ehre. Aufgrund der Heilkräfte,
die man Ikonen zuspricht, werden auch Wallfahrten zu solchen Stätten
unternommen.
Zum orthodoxen Brauchtum gehört neben der Ikonenverehrung das
Anzünden von Kerzen in der Kirche, das Gebet, die Beteiligung
am gemeinsamen Gesang, sowie das Niederknien oder Bekreuzigen. Im
Gegensatz zu westlichen Kirchen herrscht in den Kirchen des Ostens
den ganzen Tag über ein reges Kommen und Gehen. Weiters erhoffen
sich orthodoxe Christen vom Wasser heiliger Quellen leibliche und
seelische Gesundheit, vergleichbar mit dem "Heiligen Wasser"
von Lourdes.
7. Kirchliches
Leben und Feste, Festkalender
So wie die Liturgie mit besonderer Festlichkeit begangen wird, so
verstehen die orthodoxen Christen auch die Feste des Kirchenjahres
in besonderer Weise zu feiern. Mit Essen, Trinken, Singen, Tanzen
wird der ganze Mensch in all seinen Dimensionen angesprochen und in
die Feier hineingenommen. Wie in der westlichen Kirche gibt es Feste
aus dem Leben Jesu, Mariens und der Heiligen.
Es gibt den Zyklus der unbeweglichen Feste, die jedes Jahr zum selben
Datum gefeiert werden. Es sind dies Kirchenfeste und Festtage der
meisten Heiligen. Zentrum ist hier das Weihnachtsfest, das Fest der
Geburt Jesu. Da sich jedoch manche Orthodoxe Kirchen nach dem Julianischen
Kalender richten, (wie z.B. die Russisch-Orthodoxe und die Serbisch-Orthodoxe
Kirche) feiern sie z.B. Weihnachten um 13 Tage verschoben.(d.h. der
25. Dezember im Julianischen Kalender entspricht unserem 7. Januar
im Gregorianischen Kalender) Beim Zyklus der beweglichen Feste steht
das Osterfest im Zentrum.
8. Orthodoxie heute:
Struktur und Verbreitung
Die Orthodoxie kennt kein autoritäres geistliches Oberhaupt wie
die röm.-kath. Kirche. Sie ist vielmehr ein Verband einzelner
Nationalkirchen, vertreten durch ihre Patriarchate. Die 14 voll selbstständigen
Kirchen sind die Patriarchate von Konstantinopel, Alexandrien, Antiochien,
Jerusalem, Moskau, Belgrad, Bukarest und Sofia, sowie die Nationalkirchen
Zypern, Griechenland, Georgien, Polen, Tschechien und Albanien. Weltweit
zählen die orthodoxen Kirchen ca. 250 Millionen Mitglieder.
9. Orthodoxe Kirchen
in Deutschland
In Deutschland sind alle orthodoxe Kirchen vertreten und haben die
meisten auch Pfarrgemeinden in den Bundesländern:
Serbisch-Orthodoxe Kirche (ca. 250.000 Mitglieder), Griechisch-Orthodoxe
Kirche (ca. 400.000 Mitglieder), Rumänisch-Orthodoxe Kirche (ca.
7000 Mitglieder), Bulgarisch-Orthodoxe Kirche und
Russisch-Orthodoxe Kirche.
• Grigorios Larentzakis, Österreichs "Stimme der
Orthodoxie", stellt fest, dass der Trend der Säkularisierung,
d.h. der Trend der Verweltlichung des Religiösen, auch unaufhaltsam
in den orthodoxen Raum eindringt. Dabei sieht er jedoch gerade in
den lebensbegleitenden und Orientierung bietenden Sakramenten eine
Chance für eine Rückbesinnung zu einem Leben aus dem Glauben,
in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft.
Andreas Mittendorfer